
Mehr als drei Wochen bin ich quer durch Griechenland gefahren, von West nach Ost und von Nord nach Süd. Und natürlich auch wieder zurück. Ein Abstecher auf eine kleine Insel, auf der ich mich schon seit langem um die Pflege von Eselhufen kümmere, war dabei genauso obligatorisch wie die Überfahrt nach Kreta. Ich fuhr durch Großstädte und kleine Bergdörfer, kilometerlange Küstenstrassen entlang und gefährliche Serpentinen rauf und runter. 35 Grad und mehr waren meine ständigen Begleiter. Ich habe in diesen Tagen sehr viele Gespräche mit alten Freunden geführt, aber auch mit mir bis dahin unbekannten Menschen. Ich habe sie nach ihren Sorgen und Nöten und ihrer unsicheren Zukunft befragt. Oftmals war das Thema Tierschutz sekundär, denn die eigenen Ängste sind an der Haustür angekommen. Dann redet man weniger über die Probleme der anderen - in unserem Fall über die der Tiere - sondern versucht, verständlicherweise, die eigenen zu lösen. Auf einer der großen Einfallstraßen nach Athen konnte ich auf fünf Kilometern 48 Geschäfte zählen, die „zu vermieten“ an das leere Schaufenster geklebt hatten. Das war ungefähr ein Drittel. Ein weiteres Drittel der Besitzer versuchte die Ware mit gigantischen Rabatten, teilweise bis zu 70% zu veräußern, wahrscheinlich um anschließend den Verkauf einzustellen. In einer mittelgroßen Stadt auf Kreta war, bis auf eine Autowerkstatt, fast jeder Laden auf der Einfallstrasse zu vermieten oder zu verkaufen.
| „zu vermieten“ |
Noch nie habe ich so viele Menschen in den Mülltonnen nach Brauchbarem suchen sehen.
Das Geraschel in einer Abfalltonne hinter einem Supermarkt lockte mich an, denn erfahrungsgemäß hatte dies in der Vergangenheit immer mit Tieren zu tun. Entweder brutal Entsorgte oder nach Futter Suchende. Erschrocken wich ich zurück, als Zigeunerkinder aus ihnen heraus kletterten. Die Strände, an denen Jahre zuvor die Touristen Schlange standen, um ins Wasser zu gelangen, erschienen nahezu einsam. Für die Natur erholsam, für die vom Tourismus Lebenden der blanke Horror. „Wir können keine Angestellten mehr bezahlen!“, erzählt mir ein Gastwirt, der in den Sommermonaten sonst immer Aushilfen beschäftigt hatte. In seinem Restaurant mit geschätzten 150 Stühlen waren wir zur Mittagszeit die einzigen Gäste. Viele der Zugewanderten möchten ihr Haus verkaufen und in ihr Heimatland zurückkehren, aber niemand kauft in dieser Zeit. „Das Preisniveau ist immer noch extrem hoch, weil jeder die Hoffnung auf eine Kehrtwende in sich trägt“, sagt Peet von der Nordküste Kretas. Künstlich hoch, denn der reale Wert der Immobilien erreicht nicht annähernd die Preisvorstellungen. Selten sind Immobilien wärmedämmend isoliert, viele besitzen keine Heizung sondern lediglich eine Klimaanlage, die strombetrieben auch heizen kann. Aber die Stromrechnungen steigen von Monat zu Monat ins Uferlose. Mit ihnen kommt die Steuerabrechnung ins Haus und wer diese nicht zahlt, steht im Dunkeln.
Von den Milliardenhilfen scheint beim Volk nicht viel anzukommen.
„Meine Krankenversicherung teilte mir mit, dass sie meine Arztrechnungen nicht mehr bezahlen kann“ erzählt mir eine Tierschützerin aus Rethymnon. Auch sie würde am liebsten zurück in ihr Heimatland, aber wie, nach fast 30 Jahren auf Kreta? Einen Neustart wünschen sich die meisten Menschen, die mir ihre Sorgen anvertrauen. Zurück zur Drachme, aber in der europäischen Gemeinschaft bleiben. Das ist wahrscheinlich die einzige Chance, meinen sie. Aber die Chance auf was? Bis das soweit ist versucht man sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten oder man arbeitet noch in seinem alten Beruf. Bei 25% Arbeitslosigkeit ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser wegrationalisiert ist. Ein düsteres Bild zeichnet Griechenland vor meinen Augen in diesen Tagen von sich selbst, von seiner Zukunft und von einer Gegenwart. Ich kenne Griechenland seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten, habe in der Vergangenheit mit der Bevölkerung die gleichen Gespräche geführt wie mit Politikern, Rechtsanwälten oder Bürgermeistern. Habe mich an mancher Stelle beschimpfen lassen müssen oder wurde mit unserer Arbeit bestenfalls ignoriert. Auch in diesen Tagen bin ich erneut zu einem Gespräch mit einem Vizebürgermeister einer großen Stadt geladen und werde nach dem Meeting von der uns begleitenden Anwältin gefragt, was ich zu dem Ausgang des Gespräches sage. Ich lächle und zucke die Schultern, wohl wissentlich, dass ich diese Gespräche bereits hundertfach geführt habe. Das Ergebnis bis heute: nichts! Wir haben Griechenland versucht zu helfen. Wir haben versucht, einen verrohten Bereich zu verbessern, der dem Ansehen des Landes genauso geschadet hat wie die korrupte Oberschicht. Wir brachten Know-how, Lösungsansätze und auch die entsprechenden Gelder mit und legten sie als Nachbarschaftshilfe auf den Tisch. Das Ergebnis war Ignoranz mit eindeutigen Kampfansagen. Die Geschwindigkeit, mit der Griechenland, bedingt durch eine, bei seinem Eintritt schlafende EU, zu Kapital kommen konnte, war viel zu schnell. Nur das Portemonnaie und die Arroganz entwickelten sich, sonst nicht viel. Es reichte nicht zu der Einsicht, dass man eine Kuh, die man melken möchte, nicht schlachten darf. Man schlachtete den Tourismus. Man presste ihn aus wie die Oliven und die Orangen. Das Ergebnis; die Touristen entdecken andere Länder, die ebenfalls mit der Sonne werben können und zudem die ursprünglichen Werte einer Gastfreundschaft -ohne Berechnung - verkörpern. Aber das Auspressen geht weiter. Jetzt werden die eigenen Leute ausgepresst mit Steuerzahlungen, die eine anzukurbelnde Wirtschaft im Keim erstickt. „Wir können nicht mehr“ stöhnen die Menschen, die keine Reichtümer beiseite geschafft haben. Griechenland wird, und es fällt mir schwer dies zu schreiben, da ich viele Menschen in all den Jahren in mein Herz geschlossen habe, erst dann wieder eine Zukunft haben, wenn es an dem Punkt angelangt ist, an dem es einst für den Tourismus eine attraktive Insel mit traumhafter Natur, endlosen Stränden und einem bescheidenen Lebensstandard darstellte. Die Kraft, das Land dort hin zu führen, hat nur, und da wiederhole ich mich gerne, die junge Generation, die trotz der Ausweglosigkeit hoffentlich nicht auswandert, sondern bereit ist, das Land neu aufzubauen. An den Stellen, an denen ich auf diese jungen Menschen traf, waren die Gespräche konstruktiv und von der Geschwindigkeit bei der Umsetzung der Ideen begleitet, die ich in diesem Land Jahrzehnte lang vergebens gesucht habe. Drei Tierärzte, junge Tierärzte, schauten uns auf die Finger und wollten unsere Operationstechnik lernen. Sie baten um eine Zusammenarbeit, eine Bitte, die ich ebenfalls in den letzten 15 Jahren nicht ein einziges Mal hörte.
Die politische und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes einzuschätzen und vorauszusehen, ist lebenswichtig für die Zukunft unserer Vereinsarbeit. Sehr schnell sind Gelder in Griechenland verbrannt, die nichts bewirkt haben. Die juristische Umsetzung von Rechten, die in einer EU eine Selbstverständlichkeit sein sollten, verschlangen vor Jahren unsere Vereinsgelder. Als wir uns damals hilfesuchend an andere Vereine wandten, um die Kosten zu teilen, kam nichts als Achselzucken. In anderen Ländern hätte dieses Geld tausendfaches Elend bekämpft, aber wir gaben trotzdem nicht auf! Die Entscheidung, unser Recht einzuklagen, war goldrichtig – aber weiß man so etwas im Voraus? Eine Fehlentscheidung kann sehr schnell das Vertrauen der Spender gefährden. Davor habe ich regelrecht Angst und versuche deshalb, alle Dinge ins Kalkül zu ziehen, die ich irgendwie greifen und einschätzen kann. Deshalb bin ich so oft es meine Zeit erlaubt, an der Front. Auch diese Reise war diesbezüglich extrem wichtig.
Aber selbstverständlich reiste ich nicht insgesamt mehr als sechstausend Kilometer, nur um mir ein Bild vor Ort zu machen. Ich transportierte eine Tonne Hilfsmaterial zu unseren Partnern, ich füllte das Auto bei der Rückfahrt mit vierbeinigen Passagieren, die bereits in Deutschland sehnlich erwartet wurden und musste endlose Kilometer bewältigen, um den Spuren von Ellen und James folgen zu können. Wie Sie ja wissen, sind das die beiden Neuseeländischen Tierärzte, die ohne Genehmigung jährlich mehr als 3000 Tiere kastrieren und einen großen Teil der medizinischen Betreuung übernehmen. Leider sind Ines und ich immer noch die einzigen ausländischen Tierärzte, die die komplette Legalität besitzen, um in Griechenland zu arbeiten. Kastrationsaktionen von anderen ausländischen Tierärzten sind demnach immer noch illegal. Unsere Anwältin arbeitet fieberhaft an diesem Fall und sucht, zur Not auch wieder mit Hilfe der EU-Kommission, nach Lösungen. Es gibt keine gesetzliche Grundlage, die Arbeitsgenehmigungen stets aufs Neue zu verweigern, aber Griechenland schafft es.
Auf Anfragen unserer Anwälte lautet die neuste Ausrede: derzeit sind die Zuständigkeiten ungeklärt, bedingt durch ein noch nicht organisiertes Parteiendurcheinander. Dann sind Sommerferien und anschließend weht in Hamburg eine Linde...
Damit sind die bürokratischen Hindernisse immer noch nicht restlos überwunden. Oder doch?
Im Osten Kretas finde ich Ines. Im ersten Moment erinnert sie mich an Ellen, aber das kann am Licht liegen.
| Ines oder Ellen? | Ellen oder Ines? |
Ich begrüße sie und den griechischen Kollegen, der sehr interessiert auf Ines Finger starrt. Er hat ihr seine Praxis zur Verfügung gestellt und damit einen Raum, der vom Veterinäramt – logischerweise - abgenommen und genehmigt ist. Den Vertrag hat der Bürgermeister unterschrieben. Maria, eine unserer Tierschutzpartner hat es geschafft! Damit ist diese Aktion komplett legal. Unverzüglich machte sich Ines zu dem Ort der Legalität auf und löste damit Ellen ab, die wahrscheinlich weiterhin die anderen Stellen abarbeitet, an denen die Genehmigung noch in den Schubladen der Ämter fest hängt. Es ist spürbar, die Zeiten von Ellen und James neigen sich dem Ende entgegen. Der Übergang von Ellen zu Ines erscheint fließend.
| Die Polizei fängt und bringt Straßenhunde. |
Für unseren Verein war die Kastrationsaktion vor wenigen Wochen auf Skopelos, eine Insel nördlich von Athen, der erste legale Einsatz in Griechenland!
Seitdem verhandeln wir mit Rhodos und Athen um dort ebenfalls zu kastrieren. Nun hat es der Osten von Kreta, bzw. Maria auch geschafft, unseren Vertrag vom Bürgermeister ihrer Gemeinde unterzeichnen zu lassen, und dessen nicht genug, macht Ines sich anschließend auf den Weg an die Südküste. Auch hier dürfen wir in einer Tierarztpraxis arbeiten. Die Kollegin: sehr jung, aufgeschlossen und bereit von uns zu lernen. Ines wird insgesamt vier Wochen auf Kreta bleiben. Was sie in der Zeit macht, in der sie keine genehmigten Einsätze durchführt, wissen wir nicht, aber über Umwege erfahren wir von 725 Kastrationen. Ellen oder Ines, das ist in diesem Fall aber doch eigentlich auch völlig egal – oder? Hauptsache den Tieren wird geholfen.
| Das linke Auge musste entfernt werden. | Dies versuchen wir mit unserer Arbeit zu vermeiden! |
Dann fliegt Ines zurück nach Deutschland. Nur vier Tage, vollgestopft mit zuhause liegengebliebener Arbeit, bleiben ihr, bis sie erneut am Flughafen sitzt und auf den Flieger nach Rhodos wartet. Die Verhandlungen mit der Gemeinde Rhodos waren erfolgreich und annähernd 250 Tiere warten auf die Kastrationen... Dafür hat sie mit unserem Auszubildenden Roman 8 Tage. Ihre Finger werden vom strammen Anziehen der Ligaturen bluten, wenn sie zurück kommt.
Zwei deutsche Kolleginnen begleiteten Ines während ihrer Zeit auf Kreta für jeweils eine Woche. Sie interessieren sich für die Arbeit des Tierärztepools und durchlaufen in dieser Zeit ein hartes „Kennenlern-Training“. 24 Kollegen/innen hatten sich in diesem Jahr bei uns vorgestellt, sechs davon begleiteten uns.
| Dr. Dagmar Mayer wird in Zukunft für den Tierärztepool Einsätze fliegen. | „Schwester“ Schomann macht als Helferin einen tollen Job. Sie ist seit August beim Förderverein angestellt. |
Vergrößerung des Tierärztepools
Für die unendliche Arbeit, die in Griechenland mit der wachsenden Legalität auf uns zukommen wird, und um die bisher äußerst erfolgreichen Projekte in anderen Ländern, ja sogar anderen Kontinenten, weiter begleiten zu können, ist eine personelle Aufstockung des Tierärztepools dringend notwendig. Ebenso werden/haben wir zwei weitere Helfer ein(ge)stell(t)en. Ein Schritt unseres Vereines, der für uns eine Herausforderung darstellt, denn die Personalkosten sind nicht unerheblich.
Aber wir erfahren hierbei drei wichtige Punkte: 1. Unsere Partner auf Kreta wollen um keinen Preis eine Einschränkung unserer medizinischen Betreuung und auch keine Einschränkung bei dem Niveau dieser Leistung! Diese Fachkompetenz, die wir unseren „neuen“ Kollegen in monatelanger Ausbildung antrainieren, genießt bereits weltweites Ansehen. 2. Unsere Spender, sprich Sie, liebe Leser, reagieren immer großartiger und großzügiger auf die Einsätze, auch in anderen Ländern. Ein Zuspruch, dem wir nur mit einer personellen Aufstockung begegnen können, denn die bisherigen Tierärzte arbeiten bereits jetzt schon bis zur Erschöpfung. Kein Fortschritt wäre ein Einschnitt und ein nicht zu verantwortender Rückschritt. 3. Wir erwarten von anderen Vereinen, die ebenfalls mit Kastrationsaktionen „werben“, konkrete Kastrationszahlen, so dass eine eventuelle Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe für alle eine Optimierung bedeuten kann und muss.
In einem Tierheim im nördlichen Osten der Insel kastrierten Ellen und James über 150 Tiere. Der Betreiber ist unserem Verein schon länger bekannt, füttert er die Tiere doch lieber etwas weniger, damit das Säubern nicht allzu aufwendig ist. Das Ergebnis: total abgemagerte Tiere. Eine Schande, dies als Tierschutz zu bezeichnen. Aber ein, anfänglich vielleicht mit der nötigen Naivität (um Durchzuhalten) ausgestattetes, junges Pärchen, half in diesem Tierheim und erkämpfte sich zumindest die Einsicht bei dem Betreiber, dass „das Einsammeln und nicht versorgen können“ a) in den letzten Jahren keine Verbesserung auf der Strasse gebracht hat und b) bei fehlenden Mitteln nahezu in Tierquälerei ausartet. Mit dieser Erkenntnis half am Ende der Betreiber sogar mit, Straßentiere einzufangen, um sie in ihrer angestammten Umgebung nach dem Eingriff wieder frei zu lassen. Sie leben dort geschützt in einem riesigen Areal und viele der Einheimischen begrüßten die Aktion und versprachen, ein Auge auf die Hunde, die nun endlich kastriert sind, zu werfen.
Nach dieser Reise war mir klar wie nie, dass der Zusammenbruch Griechenlands kurz bevor steht. Egal wie schrecklich es sein wird, erst danach wird sich für dieses Land die Chance ergeben, es neu aufzubauen. Vielleicht spielt uns diese Entwicklung in die Karten, um endlich das Know-how, die Lösungsansätze und das Geld anzunehmen, welches wir seit vielen Jahren für einen total vernachlässigten Bereich anbieten. Vielleicht weicht die verfluchte Arroganz um endlich Hilfe anzunehmen und vielleicht entwickelt sich dadurch auch ein bisschen Empathie um empfinden zu können, was die Ärmsten der Armen seit Jahrzehnten mitmachen.
Mit einem optimistischen Blick erahne ich die gigantische Arbeit, die dann auf uns zukommen wird.
Aber ich glaube, wir sind für diesen Schritt, dank Ihrer Hilfe, gut aufgestellt. Und ehrlich gesagt freue ich mich sogar darauf, denn der Aufbau hat mit den drei legalen Kastrationsaktionen und vor allem den drei Tierärzten, die uns zuschauten und mit denen wir sehr nett zusammenarbeiteten, bereits begonnen!
Ihr Thomas Busch